Gedanken eines Psychotherapeuten zur gegenwärtigen Krise der Katholischen Kirche
von Dr. Karl Guido Rey

- I.Die Untersuchung
- II.Die Wahl der Methoden
- III.Die Wirkung des Zeiten Vatikanischen Konzils
- IV.Kirche – ein Unternehmen
- V.Leere Kirchen

 


In der NZZ erschien unter dem Titel „Tod eines Priesters“ die Nachricht, dass ein 74 jähriger pensionierter Priester, eine in Genf stadtbekannte Persönlichkeit, der Pädophilie verdächtigt, in seiner Wohnung erhängt aufgefunden wurde. Unter den Priestern spielen sich Dramen ab. Nachwuchs wird immer spärlicher, weil sich junge Menschen nicht mehr für den kirchlichen Dienst als Priester zu entscheiden wagen. Priester sind deshalb überfordert. Manche sind verzweifelt. Es fehlt ihnen die Zeit zum persönlichen Kontakt zu den Menschen. Sie leben im Stress, die die notwendige Vertiefung ihrer Spiritualität verunmöglicht. Sie werden zudem in Sorgen und Nöten allein gelassen und leiden mit zunehmendem Alter an Einsamkeit und Liebesmangel.

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I.Die Untersuchung

Bereits während meines Studiums im Internat des Benediktinerklosters Einsiedeln und während meines Aufenthaltes im Priesterseminar sind mir viele Priester begegnet. In meiner Doktorarbeit habe ich mich deshalb mit der Persönlichkeitsstruktur von Priestern auseinandergesetzt und festgestellt, dass dieser Berufsstand, was ich immer vermutete, viel gefährlichen Konfliktstoff in sich birgt.

Im Jahr 1961 schloss ich mein Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie an der Universität Innsbruck mit der Dissertation „Das Mutterbild des Priesters“[ 1 ] ab. Ich wurde schon bald von verschiedenen Seiten gedrängt, die Arbeit zu veröffentlichen. So erschien sie acht Jahre später 1969 im Benziger-Verlag, Zürich. Mein verehrter Lehrer und Lehranalytiker Professor Eduard Grünewald schrieb in seinem Geleitwort: „Die Veröffentlichung dieser Arbeit ist zweifellos ein Wagnis; ein psychologisches und ein persönliches gleichermassen. Doch dieses Wagnis scheint im dialektischen Sinn „aufgehoben“ in jedem Moment eines personalen Anliegens, welches durch alle Abschnitte hindurch mindestens für den spürbar ist, dem die Behandlung dieses Themas eigenen – oft unausgesprochenen Fragen -entgegenkommt. Gerade in einer Zeit, in der der Beruf des Priesters von der „Welt“ mit besonders kritischen Augen gesehen wird, mag eine solche Besinnung auf bestimmte Hintergründe ihrer Berufswahl zugleich Ausdruck grösstmöglicher Verantwortung sein. Die Arbeit von Karl Guido Rey ist letztlich für jene geschrieben, die weder Angst haben vor der Aufdeckung bestimmter motivischer Zusammenhänge, noch erstarrt sind in konventionellen Denkschemata. Denn das, was fruchtbar sein soll, kann es nur werden, wenn es in eine lebendige Auseinandersetzung getragen wird. Voreingenommenheit ist der Feind des Lebendigen… So möge denn diese Arbeit, die ein Suchender geschrieben hat, auch anderen Suchenden helfen, das Bessere zu finden. Der Autor hat eine wesentliche Strecke dieses „Weges zum guten Priester“ bereits deutlich markiert. „Auch der Schweizer Jesuit und Psychotherapeut Josef Rudin äusserte sich: „Diese Untersuchung ist zunächst ein wichtiger Beitrag zur Erziehung des Priesternachwuchses. Nicht weniger wichtig ist sie für das konkrete Leben der kirchlichen Gemeinschaft überhaupt. Denn die Rückverbindung muttergebundener Amtsträger auf das Verhalten der Mutter Kirche hat bekanntlich nicht nur gesunde Auswirkungen.“ (Frontseite des Buches).

Die Veröffentlichung wurde von kirchlicher Seite ignoriert. Lediglich im konservativen „Münchner Merkur“ erschien eine giftige Rezension. Der „Spiegel“ hingegen widmete dem Thema mehrere Seiten. Einzelne Priester, die sich betroffen fühlten, schrieben mir geharnischte Briefe. Das Buch wurde kein Schlager und wurde bald nach Erscheinen eliminiert. Seit der Niederschrift meiner Dissertation sind 50 Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die Kirche ist in grundsätzlichen Fragen dieselbe geblieben. Man könnte mir vorwerfen, Resultate von damals haben ihre Aktualität verloren. Die Folgen des damals beschriebenen Komplexes sind jedoch während der letzten Jahre und Monate geradezu explodiert. Priester werden wegen Pädophilie vor weltliche Gerichte gestellt. Andere heiraten, wieder andere pflegen heimliche Freundschaften, die nach jahrelangem Wegsehen von Vorgesetzten auf einmal geradezu inquisitorisch verfolgt und bestraft werden. Unter den Priestern ist eine unselige Unruhe entstanden. Die ganze Kirche leidet. Immer weniger junge Menschen sind bereit, das Wagnis des Zölibats einzugehen. Die Kirchen entleeren sich. In Rom reagiert man mit Ratlosigkeit. Statt nach den Hintergründen dieser Entwicklung zu suchen, wird „bloss“ nach den Schuldigen gefahndet. Es ist diese Problematik, die mich herausfordert, auf die Ergebnisse meiner Arbeit zurück zu greifen, um zu versuchen, das damals bis heute Verdrängte nochmals ans Licht zu stellen.

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II.Die Wahl der Methoden

Nach schriftlichen Vorsondierungen beim Klerus und vielen Begegnungen mit Priestern, stellte ich fest, dass manche zu wenig Zeit für persönliche Gespräche hatten. Manche wollten bei diesem wichtigen Thema nicht mit unerwarteten oder zu persönlichen Fragen konfrontiert werden. Sie wünschten sich Anonymität. Dennoch meldeten sich zahlreiche Theologen zu einem Gespräch. Der Fragebogen wurde bevorzugt. Ich versandte im deutschsprachigen Raum rund siebenhundert davon. Die Befragten waren zum Teil sehr zurückhaltend. Immerhin haben 265 Priester und Priesteramtskandidaten ausführlich geantwortet.

Die Fragen betrafen den Charakter und den Einfluss der Mutter während der Kindheit und später. Die Charakterisierung des Vaters und dessen Verhältnis zur Mutter, Krankheiten, Störungen wie Bettnässen, Daumenlutschen, Ängste usw. Die spätere Entwicklung des Verhältnisses zu den Eltern. Fragen zur späteren Kindheit und Pubertät. Begegnungen mit eindrücklichen weiblichen oder männlichen Gestalten und deren Einfluss auf sie fördernde und hemmende Elemente im Internats- oder Seminarleben. Stellung zum Zölibat. Berufszweifel. Motive zur Wahl des Welt- oder Ordenspriestertums. Eindrückliche Heiligengestalten. Das sind wenige Fragen von vielen. Ich versuchte auch Themenkreise mit verschiedenen Fragen anzusprechen, die scheinbar nichts mit dem Thema zu tun hatten, aber hintergründige Ergänzungen aufzeigten oder auch auf Widersprüche hinwiesen.


2. der Rorschachtest

a. Warum der Rorschachtest?

Der Rorschachtest besteht aus teils nur schwarzgrauen teils farbigen symmetrischen Klecksen, die von den Versuchspersonen gedeutet werden. Die Auswertung der verschiedenen Deutungen erlaubt ein nahezu vollständiges Persönlichkeitsbild im Hinblick auf die Art der intellektuellen Begabung, der Emotionalität und der sozialen Anpassung.

Um das Resultat oder den Inhalt des Gesamtresultates abzusichern, lud ich einige, die mir geantwortet hatten, zu einem Rorschachtest ein, der mir vor allem in die unbewussten Bereiche der Seele Einblick ermöglichte. Ich untersuchte 10 befragte Theologen mit dem Test und stellte dieser Gruppe eine Gruppe von ebenfalls 10 Medizinstudenten gegenüber.

b. Ergebnisse und deren Interpretation

- Ich stellte bei den Theologen eine signifikant erhöhte Anzahl von Antworten mit oralen, sexuellen und weiblichen Merkmalen, sowie sogenannten Infantilantworten fest. Hinweise dafür, dass Frau und Sexualität Themen sind, die die Betreffenden bewusst oder unbewusst überdurchschnittlich beschäftigten.

- Oralantworten gehören in den infantilen Bereich. Diese berühren die nach Freud so benannte orale Phase, das heisst die Bindung des Kindes an die Mutterbrust.
Die Bindung an eine religiöse Mutter und ein zusätzlich menschlich schwacher Vater begünstigen die Wahl des Priesterberufes.

- Menschlich und religiös eindrückliche Priesterpersönlichkeiten stellen einen Vaterersatz dar.

- Die Mutterbindung wird vielfach auf die „Mutter Kirche“ und auf „Maria“ übertragen. Die Vaterproblematik wird auf kirchliche Autoritäten, wie Ordensvorsteher, Bischöfe und den „heiligen Vater“ übertragen. Die einen finden im Heiligen Vater die vermisste väterliche Stütze in Beruf und Leben. Andere, die den Vater aus irgendwelchen Gründen ablehnen, lehnen sich gegen Vaterfiguren auf. Es entsteht eine Art religiös gefärbter Ödipuskomplex. Ödipus bringt den Vater um, um selber die Mutter zu besitzen. Einige von ihnen führen sich deshalb wie kleinere oder grössere „Päpste“ auf und versuchen „den Heiligen Vater“ mit unaufhaltsamen Verbalattacken zu entthronen. Dazu könnte ich illustrative Beispiele anführen. In extremer Form begegnete mir diese Problematik im Gespräch mit einem Priester, der mir anvertraute, dass er jeden Tag bete, dass der Heilige Vater sterbe oder umgebracht werde.

- Die vielen signifikanten Sexualsymbole bei Theologen zeugen von der durch diese Problematik verdrängten Sexualität und den damit verbundenen Störungen.

"vaterlosen Gesellschaft“ (Mitscherlich) nicht die einzig Betroffenen. Der Umgang der Kirche mit Homosexuellen beschreibt Wunibald Müller in seinem Buch: "Verschwiegene Wunden"[ 2 ]. Er nimmt auch Bezug auf die Ergebnisse einer Untersuchung an amerikanischen Priesterseminarien, wonach die Homosexuellen 50% darstellen. Vor kurzem hat sich Papst Franziskus verärgert über die Schwulenszene im Vatikan geäussert.

- Eine Möglichkeit für manche, aus dem Problemkreis von Erotik und Sexualität auszusteigen, ist, ihn ins Unbewusste zu verdrängen. Verdrängtes pflegt jedoch unter veränderter Form in neurotischen Varianten ins Bewusstsein zurück zu drängen.

- Eine weitere Möglichkeit stellt die Flucht vor dem Verdrängten ins rein Geistig-Intellektuelle dar. Solche Priester wirken kalt und unnahbar. Es fällt ein dunkler Schatten auf die positiven Seiten des Mutterkomplexes: auf das Fürsorgerliche, Sensible, Mitfühlende, Verständnisvolle. Sie schalten das Herz aus. Sie versperren mit ihrer Intellektualität den Zugang zur Spiritualität, die nicht intellektuell zu verstehen ist. Die Quelle der Gefühle und Intuitionen geht verloren.

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III.Die Wirkung des Zweiten Vatikanischen Konzils

1. Die geöffneten Fenster

Papst Johannes XXIII. hat im zweiten Vatikanischen Konzil die Fenster der Kirche zur Welt geöffnet. Die Öffnung zeigte schliesslich Wirkungen, die nicht gewollt waren. Die Kirche geriet aus den Fugen. Aufgeklärte Theologen schafften das Geheimnis ab[ 3 ]. Das Konzil wirkte auf die Priesterschaft wie eine Psychotherapie. Es rief in manchen das verschüttete oder verdrängte Gefühl persönlicher Freiheit wach. Es lockerte Härten auf und baute alte Klischees ab. Eine Brise der Entspannung bereitete das Feld für harte Auseinandersetzungen vor. Fesseln fielen. Manche begannen in dieser Atmosphäre erstmals zu spüren, dass sie sind, was und wer sie sind, wo sie stehen. Selbsterkenntnis wurde möglich. Vielen öffneten sich zum ersten Mal die Augen. Sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie fühlten sich nackter als jene, die sie bis jetzt bekleiden zu müssen glaubten. Sie entdeckten die vielfältigen Möglichkeiten ihres Menschseins, die bis anhin nicht mit ihrer bisherigen christlichen Auffassung vereinbar waren. Ein Dilemma unter dem auch viele Christen litten und noch immer leiden und das ich einmal so beschreib „Mancher ist ein Christ statt ein Mensch. Mancher ist kein Christ, weil er ein Mensch sein möchte. Mancher ist weder ein Christ noch ein Mensch, weil er sich mit dem einen das andere verunmöglicht.“[ 4 ] Die neue Standortbestimmung oder die ermöglichte Selbstbegegnung wirkte auf Vereinzelte lähmend, auf andere extrem stimulierend und entfesselnd. Was sie bis jetzt als Licht empfanden wurde zum Schatten. Werte wurden entwertet und was bisher verboten war, wurde als Wert empfunden. Unbekanntes wurde ausprobiert. Manche liessen sich Bärte wachsen, um wenigstens zuerst die sekundären Geschlechtsmerkmale auszukosten. Während andere bereits die Probe aufs Exempel machten, sich selbst und anderen zum Beweis ihrer entdeckten Männlichkeit. Bischöfe entdeckten ihre Lebensgefährtin, Äbte enthoben sich ihrer Gelübde. Im Lauf der kommenden Jahre wurde die ganze Kirche erschüttert, weil Teile des Klerus in eine Art Pubertät [ 5 ] verfielen. Der Durchbruch wurde gestoppt. Man könnte sagen, er wurde von der Kirche unter den Teppich gekehrt. In den Churer Dokumenten schrieben oppositionelle Priester. „Solange die Bischöfe päpstliche Verlautbarungen, die die Uhr unheilvoller Weise zurückdrehen, mit ihrer „kollegialen“ Diplomatie zudecken, solange wird es Unruhe geben, Unsicherheit und dauernde Proteste.“ (H. Holenstein, Churer Dokumente 1969) und individuelle Katastrophen unter den einzelnen Priestern, würde ich heute hinzufügen, die sie in Ausweglosigkeit und Verzweiflung treiben.

Pädophile Priester werden heute von weltlichen Gerichten verurteilt. In gewissen Klöstern werden Zölibatsverletzungen fälschlicherweise der Pädophilie gleichgestellt und zölibatäre „Missetäter“ vor dem ganzen Konvent blossgestellt und ihrer Würde beraubt. – Kinder sind wehrlose Opfer. Frauen sind selbstverantwortlich und können sich, wenn es sich nicht um eine Vergewaltigung handelt, zurückziehen. Pädophilie und Zölibatsverletzungen sind nicht auf die gleiche Stufe zu stellen. Ich meine, dass jeder, der sündigt, nach dem christlichen Gebot der Nächstenliebe Mitgefühl, freundschaftliche seelische Begleitung, Bereitschaft zur Versöhnung und Vergebung und nicht kalte Ausgrenzung verdient. Man darf zudem nicht vergessen, dass Seelsorger, die nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz einsetzen, absturzgefährdete Gratwanderer sind. Nachmals: Verfolgung und Bestrafung werden das Übel nicht beheben.

2. Folgerung für die Priesterausbildung

Eine Erneuerung der Priesterausbildung ist dringend notwendig. Ich schlage deshalb vor,
- dass Männer erst nach dem 30. Lebensjahr zu Priestern geweiht werden,
- dass das Theologiestudium vermehrt durch tiefenpsychologische Vorlesungen und Gruppengespräche ergänzt wird.
- dass nach dem Studium ein mehrjähriges Diakonat folgen soll.
- dass während der Diakonatsjahre sich jeder Diakon psychotherapeutisch begleiten lassen soll, um sich, seine Stärken, seine Schwächen, die ihm gefährlich werden könnten oder die eventuell in seinem Unbewussten versteckten Störungen kennen zu lernen oder wenn möglich heilen zu lassen, vielleicht sich zu entschliessen, das Diakonat als Beruf zu wählen oder sich für einen anderen Beruf zu entscheiden.

Diese Ausbildung käme der Lehranalyse der PsychotherapeutInnen gleich. Ohne Selbsterkenntnis ist nämlich keine professionelle Menschen- oder Seelenführung möglich. Die ausbildenden Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten sollen ordentliches Mitglied einer anerkannten Psychotherapeutenvereinigung, in der Schweiz des Schweizerischen Psychotherapeutenverbandes, sein. Am besten wird man auch theologisch Ausgebildete für diese Aufgabe einsetzen. Mit scheint nach meinen Erfahrungen Logotherapie Viktor Frankls zu diesem Zweck besonders geeignet zu sein. Mindestens sollte man Therapeuten mit einem klaren spirituell christlichen Hintergrund beiziehen.

Das Leben ist eine ununterbrochene Entwicklung zu einem umfassenderen und ganzheitlicheren Menschsein. Das Zölibat kann in einer gewissen Lebensphase eine weitere menschliche Entwicklung verhindern und auch in fortgeschrittenem Alter zu einer verheerenden Krise führen. Ich befürworte deshalb ein Zölibatsgelübde auf Zeit.

Ich bin überzeugt, dass es viele Priester gibt, die im Lauf eines Lebens den Mutterkomplex verarbeitet haben. Er befruchtet ihr Leben und ihre Tätigkeit. Sie können das mütterlich-weibliche Element mit allen guten Varianten in die Seelsorge einbringen. Auch sie werden in unserer zügellosen Welt nicht vor allen „Versuchungen“ bewahrt bleiben. Sie sind ein Glück für unzählige Menschen und die ganze Gemeinschaft der Kirche.

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IV.Kirche – ein Unternehmen

Der Abt des Klosters Einsiedeln sprach vor einem Business Club über das Thema „Die Kirche hat Erfolg, wenn Menschen echt sind, die zu ihr gehören.“ Ich frage mich: Ist die „Kirche“ echt oder sind es die Menschen, die sie scharenweise verlassen? Der Abt will mit neuen Medien nach dem Muster grosser Unternehmen „Kunden“ werben und erzählt, wie er in kurzer Zeit ein prominenter Twitterer wurde und die Menschen zwischen zwanzig und vierzig Jahren anspreche, die normalerweise in der Kirche fehlen.

Ist die Kirche wirklich nur ein Unternehmen, das Kunden werben kann? Der Bischof von Basel schlägt eine andere Methode vor. Er empfiehlt, sich an jenen zu freuen, die noch in der Kirche sind, statt jene zu beklagen, die sie verlassen haben. Das klingt nach Bankrotterklärung. Passivität ist sicher nicht der richtige Weg.

Der Abt fordert die Echtheit der Mitglieder als Voraussetzung für den Erfolg der Kirche? Wer ist denn letztlich verantwortlich für die Echtheit der Kirche? Ich denke, das ist zuerst der Klerus; das sind die Diakone und die Priester. Sie verantworten als erste die sogenannte Echtheit, wenn sie Christus glaubhaft verkünden. Wenn sie das, was sie verkünden, selber in ihrem Leben umsetzen. Wenn sie selber spirituelle Menschen werden, die fähig sind, im Alltag aus ihrer Spiritualität zu leben und sie vor allem in der Feier der Liturgie sowie der Verkündigung weiter zu verschenken. Spiritualität entsteht nicht in Betrieb und Aktivismus. Dort verkommt sie vielmehr. Spirituell werden wir erst in der Stille. In der Stille, die ich in unseren Liturgiefeiern sehr oft vermisse. Dauerreden und Dauersingen lassen keine Stille zu. Ich meine mit Stille aber auch nicht Leere, sondern Zeiten als Raum, in sich zu gehen. Gute Musik und feierliche Rituale können uns still werden lassen. Die Liturgie muss uns zum „inneren Raum“ führen.

Anselm Grün beschreibt diesen Vorgang treffend. „Ich muss mich von allem verabschieden, was mich sonst beschäftigt… Ich muss ganz still werden und dann in mich hineinhorchen. In mir ist das Geheimnis, das mich übersteigt. Wenn ich in mich hineinhorche, stosse ich nicht nur auf meine eigene Geschichte, und meine Probleme. Unter dieser Ebene ist vielmehr ein Raum der Stille, ein Ort, in dem Gott, das Geheimnis, in mir wohnt. Und dort, wo das Geheimnis in mir wohnt, kann ich wahrhaft zu Hause sein. Dort ahne ich einen tiefen Frieden… Es gibt einen Raum in mir, über den niemand Macht hat, der Raum in dem Gott wohnt.“ [ 6 ] Liturgie und Verkündigung sollen uns zu diesem Raum führen. Eine Kirche, in der diese Innerlichkeit von unseren Seelsorgern gelebt und an uns weiter verschenkt wird, ist echt. Menschen von heute suchen im Gottesdienst diese Innerlichkeit, die sie sonst nicht finden. Sie suchen in ihr Nahrung für das Herz, klare Quellen, aus denen sie in der spirituellen Trockenheit des Alltags schöpfen können. Wenn sie jedoch in dieser Kirche verdursten, laufen sie ihr davon und suchen anderswo, was sie vermissen. Ob sie es finden? Jedenfalls sind sie echt. Echter als „die Kirche“. Sie ziehen die richtige Konsequenz. Die Kirche, um es nochmals zu betonen, ist kein Unternehmen. Sie ist eine Gemeinschaft von Gott Suchenden. Wenn sie ihn dort nicht finden, gehen sie einen anderen Weg. Einige von ihnen bleiben mit Glaubenszweifel zurück oder schliessen das Thema Religion ganz aus. Andere suchen, was sie nicht finden, in Freikirchen wo sie ihn als ganze Menschen mit Leib und Seele feiern können. Wieder andere – und es werden immer mehr – wenden sich der Esoterik, dem Buddhismus oder dem Islam zu.

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V.Leere Kirchen

Gibt es etwas in der Kirche, das mich anrührt, das mich vom Hocker haut, mir den Himmel auf Erden erfahrbar macht? Wo berührt sie mich, wo heilt sie mich? Wo macht sie mich froh, und gibt sie mir Raum, mich selber und Gott zu erfahren, mir selber und Gott zu begegnen? Ist da etwas Berauschendes, etwas Faszinierendes, etwas Geheimnisvolles? Spüre ich eine Sehnsucht, eine Lust, etwas das über meine Religionsunterrichts Erfahrungen hinausgeht? Wo ist der schützende, der bergende Raum, worin sich meine Seele zu öffnen wagt, wo ich mich anrühren lassen kann, wo mir Tränen in die Augen schiessen, weil ich mich einlasse? Die Fantasie fehlt, welche die Eucharistiefeier zu einem Erlebnis werden lässt. Die Kirchen werden immer leerer. Als erstes müssten wohl die gestressten Priester wieder zur Innerlichkeit zurück finden können. Ich bin glücklich, dass der Seelsorger unserer Gemeinde ganz aus der Kraft dieser Innerlichkeit heraus Liturgie feiert. Sein knappes und frei gesprochenes Predigtwort ist keine Vorlesung. Sie ist eine frische Quelle, die er aus seinem Inneren sprudeln lässt. In diesen Gottesdiensten muss man die Jungen nicht suchen. Sie sind da. Mit ihren Eltern und Freunden. Dieser Pfarrer ist ein Beispiel, welche entscheidende Rolle der Persönlichkeit des Priesters bei der Eucharistiefeier zukommt.

Eucharistiefeiern sind oft steif und trocken, zu intellektuell und emotionslos. Die Lieder sind gesungene Theologien mit faden Melodien. Wie anders sind da die mit Innbrunst gesungenen Taizé-Lieder deren Begeisterung und Freude anstecken und faszinieren – und berühren, weil sie oft durch Stille unterbrochen werden. Die zu langatmigen, wortreichen Predigten bewirken übrigens, dass von der Fülle der Gedanken keiner im Gedächtnis haften bleiben kann. Es genügt die kurze Interpretation eines wichtigen Satzes und die Anregung, was er wohl in meiner Lebenssituation für mich ganz persönlich bedeuten könnte. Gay Hendricks [ 7 ] nahm die östliche transzendentale Meditation zu Hilfe, um zu erfahren, was Stille und Innerlichkeit überhaupt sind. Die kraftgeladenen Silben des Mantras haben ihn beruhigt und besänftigt. Er habe durch sie Frieden und eine wachsende Harmonie verspürt. Er erzählt, dass er sich bereits als Kind ein anderes Verständnis von Gott gewünscht habe. Ein Verständnis, das er auch in seinem Körper hätte verspüren können. Und das nicht vom Verstand, sondern aus dem Herzen gekommen wäre. „Für mich“, schreibt er, „ging es darum, die Gegenwart Gottes zu spüren. Was mich in der Kindheit am meisten störte, war der Mangel an Gefühl. Alle schauten gelangweilt und pflichtbewusst drein, während der Pfarrer vor sich hin schwadronierte.“

Im Jahr 2000 fand in Brixen (Südtirol) ein Symposium mit dem Thema „Hat die Messe noch Zukunft?“ statt, an dem namhafte Theologen auch aus orthodoxen Kirchen sowie bekannten Psychologen teilnahmen. Die Beiträge wurden im Echter Verlag, Würzburg im wegweisenden Buch „Die heilige Messe“[ 8 ] veröffentlicht. Es müsste eigentlich allen Bischöfen und Priestern zur Pflichtlektüre verschrieben werden. „Denn es steht ausser Frage, dass die Art, wie heute Eucharistie gefeiert wird, einer kritischen Befragung unterworfen werden muss, um zu analysieren, was an der Kunst des Zelebrierens der Besserung und Intensivierung bedarf, damit die Messe tatsächlich zu einer Quelle des Lebens für die Gläubigen werden kann.“[ 9 ] Die Lektüre dieses Buches hat mich fasziniert: „In der Liturgie die Wahrheit ertasten den mystischen Leib erfahren und im Alltag vergegenwärtigen können, Liturgie als Eintauchen in den Ozean der Freude, als Sakrament der Ekstase, als Ort der orgiastischen Daseinsfindung.“

Wäre das nicht eine Einladung an Jung und Alt, die leeren Bänke in unserer katholischen Kirche wieder zu füllen?

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Anmerkungen

[ 1 ]Karl Guido Rey, Das Mutterbild des Priesters (Benziger), Einsiedeln, 1969.

[ 2 ]Wunibald Müller, Verschwiegene Wunden (Kösel), München 2010.

[ 3 ]Hans Küng, Jesus (Piper), München 2012.

[ 4 ]Karl Guido Rey, Über die Selbstverwirklichung der Christen (Kösel), München 2010.

[ 5 ]Karl Guido Rey, Pubertätserscheinungen in der katholischen Kirche (Benziger), Einsieldeln 1971.

[ 6 ]Anselm Grün, Der innere Raum (Weltbild), Augsburg 2007.

[ 7 ]Gay Hendricks, 5 Wünsche (Knaur), München 2009.

[ 8 ]Peter Jan Marthe, Die heilige Messe (Echter), Würzburg 2011.

[ 9 ]Vorwort für „Die heilige Messe“ von Josef Lanz.