Vortrag gehalten am Internationalen Kongress für die Familie:
"Familie ist Zukunft" Luzern 1999

Damit Ehe und Familie gelingen

- Die Rolle der Gegensätze
- Lieben heisst verzeihen
- Ablösungsphasen
- Bewusst leben


 


Ich bin kein Träumer. Was ich Ihnen sagen werde, hört sich dennoch wie ein Traum an. Vielleicht ist es sogar ein Traum. Ich will ihn bewusst der Realität der heute weit verbreiteten gesellschaftlichen Auffassung von Ehe und Familie gegenüber stellen.

Wann haben Sie zum letzten Mal Ihrem Mann lang und tief in die Augen geschaut? Was haben Sie da gesehen? Und wann haben Sie zum letzten Mal dort die Seele Ihrer Frau berührt, wo ihr Wesen ist, wo sie ganz sich ist, die, die sie ist, einmalig, nur sie? Was unterscheidet sie eigentlich von allen anderen Frauen auf dieser Welt? Ist es nicht wichtig, dies zu wissen?

Waren Sie verliebt damals, als Sie sich kennen lernten? Oder immer wieder im Verlauf Ihrer Ehe? In Ihren Mann, in Ihre Frau? Ich hoffe, dass wir jetzt viele Verliebte unter uns haben. Ältere, Junge und, dass die, die es gerade nicht sind, es bald wieder werden. Neuere Forschungen stellen nämlich fest, dass Verliebtheit Ehen ein besseres Gelingen garantiert, obwohl manche behaupten, dass Verliebte blind sind und die grössten Dummheiten machen. Blind heisst, dass wir in der Verliebtheit den Verstand verlieren, unreflektiert, ganz und gar emotional und uns nur im Herzen voneinander treffen lassen. Verliebtheit überwindet Fremde, die beide Partner aus einer ganz anderen Welt und Herkunft mitbringen. Verliebtheit beseitigt Barrieren und ermöglicht Vertrautheit, was blosse Gedanken nicht schaffen. Verliebtheit gibt uns ebenso immer wieder einen Kick zu anderen Visionen für unsere Beziehung und lässt uns aneinander immer neue Geheimnisse entdecken und enträtseln. Das fasziniert und macht uns neugierig aufeinander.

Man wirft den Verliebten vor, sie idealisierten ihre Partner und stilisierten sie zu überirdischen Erlösergestalten empor. Ist es nicht schön, immer wieder die guten Seiten am anderen zu entdecken? Ist es nicht so, dass wir uns dann und wann auch erlösen? Ein Freund, der das Buch las, das ich über die Liebe zu meiner Frau und die Trauer um sie nach ihrem Verlust schrieb, warf mir vor, ich hätte sie verherrlicht. „Na und?“ fragte ich ihn. „Sie war, sie ist ja herrlich, und ich bin in sie verliebt bis zum heutigen Tag. Was ist da falsch daran?“ Es berührt mich selber immer, wenn ich Verliebten begegne, Jungen, eng umschlungenen, oder älteren Paaren, wenn sie Hand in Hand in der Strassenbahn sitzen oder wenn ich sie am Gartenkaffee in der Zürcher Bahnhofstrasse vorbeigehen sehe. Verliebtheit ist nicht nur der Ausdruck gelingender Beziehung, sondern immer auch Anstoss zu neuem Wiedergelingen einer Partnerschaft. Schämen wir uns unserer Verliebtheit nicht!

Die Rolle der Gegensätze

Man sagt, Gegensätze ziehen sich an; Gegensätze erzeugen gesunde Spannung zwischen Partnern; Gegensätze befruchten. Ich denke, Gemeinsamkeiten sollten überwiegen, damit Ehen gelingen. Unterschiede des Alters, des Bildungsstandes, des Geschmacks, der Gewohnheiten, der Interessen oder des Lebensstils werden als einzelne nicht so sehr ins Gewicht fallen. Wenn sie aber gehäuft auftreten, können sie zu einer Belastung werden.

Zum Beispiel kann ein wesentlicher Unterschied des Bildungsgrades Interessen, Gewohnheit und Lebensstil derart prägen, dass schliesslich die Unterschiede grösser werden als die Gemeinsamkeiten. Das muss jedoch nicht so bleiben, falls es so sein sollte. Bildung kann man nachholen, Gewohnheiten lassen sich ändern, Interessen kann man erweitern. Es ist gut, sich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewusst zu sein, um das Gemeinsame zu stärken und das Unterschiedliche ausgleichen zu können. Ich stelle aber immer wieder mit Schrecken fest, wie wenig oft Partner voneinander wissen, wie unbewusst sie in den Tag hinein und aneinander vorbei leben. Wie sie sich nicht hinterfragen und so auch keine Grundlage zu fruchtbaren Gesprächen und dringenden Korrekturen finden. Gespräche sind unerlässlich in einer Partnerschaft. Einander Briefe schreiben ist ein wunderbares Mittel, sich gegenseitig auszutauschen. Einen Brief kann man immer wieder lesen. Er ist nicht so flüchtig wie ein Gespräch. Geschriebenes Wort hat längeren Bestand. Es muss ja nicht immer ein Problembrief sein. Gibt es schönere Briefe als Liebesbriefe? Wann haben sie einander den letzten Liebesbrief geschrieben? Tun sie’s doch bald wieder! Vielleicht morgen schon.

Ich weiss doch, dass Ehe nicht immer Verliebtheit bedeutet, und dass Familien selbst bei bester Ehe nicht nur Glückzeiten beinhalten. Nicht die krisen- und konfliktlosen Ehen und Familien sind die glücklichsten, sondern jene, die Krisen und Konflikte lösen und durch sie zu neuen Stufen der Beziehung in einer noch ganzheitlicheren Form der Liebe hindurchreifen.

Wie steht es denn mit unserer Liebe? Ich höre einen Ehemann zu seiner Frau sagen: „Ich würde dich lieben, wenn du anders wärst.“ Eine Frau sagt: „Ich liebte meinen Mann, wenn er mich nicht an meiner Selbstverwirklichung hinderte.“ Partner entzweien sich, weil der eine die Erwartungen des anderen nicht erfüllt. Eltern sagen zu ihrer Tochter: „Wir können dich nur lieben, wenn du diesen Freund aufgibst.“ – „Ich kann dich nicht lieben“, sagen die Eltern zu ihrem Kind, weil du homosexuell bist.“ „Ich will nichts mehr von dir wissen, weil du Aids hast.“ – komm nie mehr nach Hause, solange du Drogen nimmst.“ – „Ich lasse mich scheiden“, sagt ein Mann, weil seine Frau krank geworden ist. Eine Frau trennt sich, weil ihr Mann durch einen Unfall behindert wurde. „Ich liebe ihn nicht mehr. Ich habe keine Gefühle mehr für ihn.“

Ich weiss, dass manche nicht lieben können, weil sie schon als Kinder in der Familie verletzt, ja weil sie überhaupt nie geliebt wurden. Sie sehnen sich nach heilender Liebe. Ich werde oft gefragt, was ich denn mit den Menschen mache, die zu mir kommen, um von ihren Ängsten und Nöten befreit zu werden. Ich bin einfach für sie da. Ich bin ganz für diesen Menschen da, der in diesem Augenblick für mich bestimmt ist. Ich schaue ihn an. Ich blicke ihm in die Augen. Ich nehme ihn wahr. Ich höre ihm zu. Ich antworte auf seine Fragen. Ich versuche, ihn zu verstehen im Geflecht seiner Sorgen, Bedürfnisse und Verletzungen; im Gestrüpp seiner Irrwege und Fehler. Ich nehme ihn ernst in dem, was er erzählt und in dem, worüber er schweigt. Dann meine ich, liebe ich ihn. Wenn Sie sich in der Partnerschaft und Familie so begegnen, lieben Sie einander in der Tat. Solche Liebe befähigt Sie auch, einander immer wieder zu verzeihen, wenn Sie sich wehgetan haben, was nicht zu vermeiden ist, wo Entwicklung stattfindet.

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Lieben heisst verzeihen

Lieben heisst verzeihen und sich immer wieder versöhnen. Lieben bedeutet, einander in uns eine Wohnung bereiten. Das eine kann im anderen und das andere im einen zu Hause sein. Jedes holt das andere immer wieder zu sich heim. Das Herz des einen wird zur Heimat des anderen: „Komm zu mir, wenn du müde bist und eine Last mit dir trägst! Du darfst zu mir flüchten, wenn du Angst hast, wenn du krank bist. Du kannst bei mir ausruhen, wenn deine Seele durcheinander geraten ist. Ich umarme dich, wenn dich jemand angreift. Ich verstehe dich, wenn dich niemand versteht. Komm zu mir! Du kannst dich bei mir bergen, weil ich dich annehme so wie du bist. Ich warte auf dich, ohne etwas von dir zu erwarten.“

Liebe ist nicht nur Gefühl, Liebe ist auch Sein, Dasein, Bereitschaft, Wille, Tun. Man sagt manchmal Hingabe, wenn man Liebe meint. Liebe bedeutet geben, etwas von sich hingeben, weg-geben, loslassen, loslassen für den anderen. Etwas von sich loslassen. Von seiner Gewohnheit, von seiner Bequemlichkeit, etwas von seinen Wünschen, zu haben und zu erwarten. Etwas hin-geben, von mir selbst. Viele wagen es nicht, etwas von sich hinzugeben. Sie haben Angst, sich dabei zu verlieren, sich zu vergeben. Wer sich hingibt, gewinnt. Er verliert zwar seinen Egoismus. Er gewinnt jedoch den Reichtum der Liebe. Er gewinnt sein eigenes Glück. In der Liebe erfahren wir nämlich, wer wir sind, unsere Identität, unseren Wert, den Urgrund unserer Person. Zärtliche Liebe macht glücklich. Sie verwandelt. Sie verzaubert. In der Liebe geschieht etwas Göttliches in uns. ich denke an jede Liebe. Ich denke vor allem an die Liebe zwischen Mann und Frau.

Ich erinnere mich an ein ganz besonderes Erlebnis in meiner Ehe. Eine Krankheit hatte mich an den Rand des Todes gebracht. Eines nachts, als sich mein Zustand einem Tiefpunkt näherte, mich körperliche Schwäche, Fieberschübe, Angst, Verzweiflung und Atemnot überfielen, setzte sich meine zu mir auf den Bettrand, zog mich an sich und bettete meinen Kopf an ihre Brust. Als ich den Herzschlag ihrer Liebe hörte und die zärtliche Hand, die mich streichelte, spürte, umfingen mich auf einmal Ruhe und Frieden. In ihrer Liebe hatte sich der unsichtbare Himmel ihres Herzens über mir geöffnet und den Beginn meiner vollständigen Heilung eingeleitet. Liebe heilt.

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Ablösungsphasen

Es gibt neuralgische Punkte in einer Familie. Lebenskrisen der Eltern, Ablösungsphasen der Kinder. Vor allem während der Pubertät und Nachpubertät, in der wir sie als Eltern ebenso sorgsam wie zurückhaltend begleiten sollten. Es drängt sie, ihr Leben nun nach eigenen Impulsen und Vorstellungen zu gestalten. Ich kenne eine Mutter, die selber sehr streng erzogen, nach den Richtlinien einer überspitzten, intoleranten Moral lebte, die sie unbedingt auch in ihren Kindern verwirklicht sehen wollte. Die Tochter begann mit 18 Jahren ein lasterhaftes Protestleben gegen ihre Mutter zu führen und trennte sich mit verletzenden Grobheiten von ihr. Der Sohn versuchte, die Erwartungen der Mutter pflichtbewusst und ängstlich zu erfüllen, indem er, 20-jährig, einer extremen Sekte beitrat, die die Mutter ablehnte und sich deshalb unter Schmerzen von ihm trennte. Sei verlor Tochter und Sohn. Das tragische Beispiel einer nicht gelungenen Familie.

Gerade in der Pubertätsphase sind von den Eltern Respekt und Toleranz gegenüber ihren Kindern gefordert. Wir müssen jedoch diese Phase schon früh vorbereiten, indem wir Kinder nicht zu sehr an uns binden. Wir müssen sie schon früh durch geführtes Mittelmass zu selbstständigen und verantwortungsfähigen Menschen erziehen. Unser Familienhaus muss offen sein, mit grossen Fenstern, durch die die Welt hereinkommen und die Kommunikation nach aussen stattfinden kann. Isolierte Familien, in denen Kinder total auf Eltern und Eltern nurmehr auf ihre Kinder fixiert sind, sind störungsanfällig.

Seien wir uns als Eltern bewusst, dass nicht immer nur wir Schuld daran sind, wenn Kinder in Schwierigkeiten geraten. Oft sind es unabänderliche Umstände oder Schicksalsschläge innerhalb der Familie, die für sie zu Stolpersteinen werden. Eltern sind zudem nicht mehr wie früher die einzigen Erzieher. Die Gesellschaft und der Zeitgeist erziehen mehr mit als einst. Ich denke an bestimmte Fernsehsendungen, die den jungen Menschen oft das Gegenteil von dem als Glück suggerieren, was wir ihnen zu vermitteln suchten. Mit umso mehr guten Gedanken sollten wir sie deshalb begleiten und beschützen und jederzeit für sie da sein, hoffend, dass ihnen unsere Liebe die Kraft gibt, die Widerstände, die sich ihnen entgegensetzen, zu überwinden. Wenn ihnen das gelingt, werden sie als starke Persönlichkeiten das Leben initiativer gestalten können als andere.

Was können wir als Partner tun, damit unsere Ehe als Fundament der Familie gelingt? Das Grundlegendste ist das, was ich bis jetzt als Liebe umschrieben habe. Ich deutete zudem bereits an, dass wir lernen sollten, bewusster zu leben. Wer unbewusst in den Tag hinein lebt, nimmt die Gefahren nicht wahr, die am Wegrand des Ehe- und Familienalltags lauern. Haben Sie schon daran gedacht, ein Tagebuch zu schreiben? Ein Ehebuch? Das kann Ihnen helfen, bewusster zu leben. Schreiben Sie ein Nachtbuch, in dem Sie ihre Träume festhalten. Träume geben Auskunft über unsere unbewussten Strebungen und Wünsche. Sie zeigen die Hintergründe unseres Verhaltens, die uns vielleicht nicht bewusst sind. Geben Sie jedem Traum einen Titel, an dem Sie seine Kernaussage erkennen. Wie wär’s, wenn Sie sich beim Frühstück dann und wann einen Traum erzählten und ihn gemeinsam zu deuten versuchten? Es könnten sich daraus neue Einsichten, aber auch tiefgreifende Gespräch ergeben.

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Bewusst leben

Bewusster leben heisst: aufmerksam sein, auf die Stimme des eigenen Herzen, auf die leisen Sendungen aus der Seele des anderen. Nur wenn wir wach sind, hören wir die oft ganz leisen Liebes- und Sorgenbotschaften voneinander. Nur wer schweigen kann, nur wer Stille erträgt, kann hören. Bauen Sie eine Nische der Stille in jeden Tagesablauf ein, in der Sie neu lauschen und schauen lernen. Wer nicht schweigen kann, kann nicht lieben. Ein Therapeut antwortete auf die Aussage eines Ehemannes „Ich höre seit zehn Jahren auf jedes Wort, das meine Frau spricht: „Sehr gut. Während der nächsten zehn Jahre tun Sie gut daran, auf das zu hören, was sie sagen möchte, wenn sie schweigt.“

Wir sollten, wie ich vorher bemerkte, den Partner oder die Partnerin so annehmen, wie er oder sie ist. Das darf allerdings nicht ein Vorwand sein, sich nicht zu entwickeln. Ich höre immer wieder: „Er oder sie nimmt mich nicht so an, wie ich bin. Ich bin nun eben einmal so, wie ich bin.“ Jedes aber, meine ich, muss dazu beitragen, dass es für das andere annehmbar ist. Wir können uns nicht einfach darauf berufen, so zu sein und immer so bleiben zu können, wie wir eben sind. Wir sind wie Samenkörner in der Erde. Wir müssen wachsen und uns entwickeln. Das bedeutet Korrektur, Wandlung und stete Verwandlung. Manche Ehen gelingen nicht, weil eines der beiden oder gar beide als unentwickelte Kinder in ihren Kinderschuhen stecken geblieben sind. Wir sind verpflichtet, unsere Persönlichkeit zu entwickeln. Wir entwickeln unsere Persönlichkeit, wenn wir an unserer Beziehung arbeiten, wenn wir uns selbstkritisch überprüfen, um uns zu verändern. Es soll niemand vom anderen Veränderung erwarten, der nicht selber bereit ist, sich zu verändern. Wenn wir unsere Werte erkennen, um auf ihnen aufzubauen, entwickeln wir uns. wenn wir verzichten, wenn wir Schmerzen ertragen und Not aushalten. Wer das nicht kann, hat schlechte Karten für eine gelingende Ehe. Denn Entwicklung ist anstrengend und hart. Oft müssen wir in der Partnerschaft durch Drangsale, durch Nächte schreiten, viele Tode sterben, damit wir das Glück einen neuen Lichts und das Erlebnis einer neuen Geburt erfahren dürfen. So werden wir reif. Je reifer wir werden, umso lebendiger und reicher wird die Beziehung zueinander. Partnerschaft besteht für mich wesentlich darin, einander zu helfen, reifer zu werden.

Was können wir noch tun, damit unsere Ehe gelingt? Eine Beziehung muss atmen. Beim Einatmen sind wir ganz beieinander, ganz nahe. Dann müssen wir ausatmen, um wieder Abstand voneinander zu gewinnen und einander Raum zu geben. Wenn wir nur einatmen und aneinander kleben bleiben, ersticken wir. Wenn wir nur ausatmen und uns verlieren, stirbt die Beziehung ab. Ich könnte es auch anders ausdrücken: Wir gehen zwar in der Partnerschaft einen gemeinsamen Weg. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass dabei sowohl die Frau wie der Mann ein Individuum bleiben. Es geht nicht darum, in der Ehe dem anderen seine Individualität oder Einmaligkeit zu opfern. Es geht vielmehr darum, dass jedes das andere mit dem Schatz seiner eigenen und einmaligen Persönlichkeit beschenkt. Ohne selbst-ständige Persönlichkeiten mit je eigener Bestimmung und Bestimmtheit, kann Partnerschaft kaum gelingen. Achten wir gerade in unserer Zeit der unbegrenzten Selbstverwirklichung auch darauf, dass wir auf unserem individuellen Weg nie den gemeinsamen Weg aus den Augen verlieren. Meine Frau, um nochmals von meinen eigenen Ehe-Erfahrungen zu sprechen, schrieb mir an ihrem 50. Geburtstag, kurz vor Ausbruch ihrer tödlichen Krankheit, einen kleinen Brief: „Ich danke dir für deine Liebe“, schrieb sie, „für das Leben mit dir bis hierher, dass du mit mir weitergehst und mich auf meinem Weg begleitest. Du beschenkst mich, du verwöhnst mich. Ich danke dir“. Es wurde mir erst später bewusst, welche tiefe Einheit diese Worte enthalten, aber auch welche schmerzliche Distanz in ihnen verborgen liegt. Zwar Geliebter, aber nur Begleiter, auf einem zwar gemeinsamen und doch ganz anderen Weg. Als sich ihr Weg im Sterben endgültig von dem meinen trennte, erfasste ich erst, was es heisst, einen gemeinsamen Weg gehen zu dürfen und einen ganz eigenen gehen, aber auch gehen lassen zu müssen.

Abschliessend möchte ich vor allem die Männer unter uns auffordern, ihre zu oft abgewürgten Gefühle wachzurufen und zu befreien. Wir Männer sind durch ein Männerbild bestimmt, das keine Gefühle zulässt. Gefühl wird als Schwäche definiert. Wir müssen lernen, zu unseren Gefühlen zu stehen und sie mit Worten auszudrücken. Freude und Trauer in Bewegtheit und Tränen. Unaussprechliches durch Berührung, Zuneigung durch Zärtlichkeit, Sehnsucht mit ausgestreckten Armen. Die ausgetrocknete Gefühlswelt und die Sprachlosigkeit der Männer sind oft eine schwere Hypothek für Partnerinnen und gefährden das gute Gelingen von Ehe und Familie. Um uns auszudrücken, brauchen wir unseren Leib, den wir oft so sträflich vernachlässigen oder gar ignorieren. Er ist das unverzichtbare Ausdrucksmittel unserer Gefühle und Worte. Deshalb müssen wir ihn liebevoll pflegen und zärtlich mit ihm umgehen.

Ein mir gut bekanntes Ehepaar bewohnt ein Haus, das aussieht wie ein Zelt. Es hat eine Besonderheit. Es besteht in der Spitze aus Glas. Am Tag wirft dort die Sonne ihre Strahlen in die weiten Räume. In hellen Nächten sieht man die Sterne leuchten oder den runden Mond. Ein Haus mit Ausblick nach oben, ins Unendliche, in die Transzendenz des Göttlichen. Hat ihr Ehe- und Familienhaus auch ein solches Fenster nach oben? Ich bin entgegen der Freud’schen Religionskritik überzeugt, dass Partner, die sich von einer gesunden, vom Wesentlichen her getragenen Religiosität inspirieren lassen, die grössere Chance haben, dass ihre Ehe gelingt. Es beflügelt sie die Hoffnung, dass ein Gott sie auf ihrem Weg von allen Seiten liebevoll umfängt und über den Tod hinaus schützend seine Hand auf sie legt.

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